Dissoziation als therapeutische Technik einsetzen

„Ich stand neben mir“, „Ich war außer mir“, „Ich schwebte über allem“ – so einen Ausdruck hat wahrscheinlich jeder schon einmal benutzt. Beschrieben wird damit eine Erfahrung, dass man nicht völlig in sich selbst war, sondern dass eine gewisse Empfindung des Gespalten-Seins und der Distanz vorhanden waren. In der Psychologie nennt man einen solchen Zustand auch Dissoziation.

Genau genommen wird mit Dissoziation ein Zustand beschrieben, indem man sich emotional oder physisch nicht mehr so eng mit der Realität verbunden fühlt. Diese Dissoziation findet auf einem Kontinuum statt – von dem „Ich steh‘ ein bisschen neben mir“ bis hin zu einer völligen Dissoziation von der Wirklichkeit, wie sie bei Formen der Schizophrenie vorkommen kann.

Nutzen der Dissoziation

Wahrscheinlich wurde die Fähigkeit zur Dissoziation vom Organismus entwickelt, um in bestimmten Situationen Schutz zu gewähren und das Funktionieren aufrecht zu erhalten.

  • Schutzfunktion
    Eine leichte Dissoziation kann dabei helfen, mit Stress und belastenden Situationen besser umzugehen. So können belastende und negative Emotionen, aber auch Langeweile oder Konflikte besser ertragen werden. Wenn gravierende Belastungen aufkommen, kann die temporäre Dissoziation sogar dabei helfen, die geistige Gesundheit aufrecht zu erhalten. Sie kann zum Beispiel dem Opfer einer Vergewaltigung durch die Loslösung vom aktuellen Geschehen mit der Vorstellung helfen, dies alles geschehe nicht einem selbst, sondern einer anderen Person. So kann ein Trauma vielleicht vermieden werden, und das Ereignis kann später leichter aufgearbeitet werden.
  • Aufrechterhaltung der Handlungskompetenz
    Die Dissoziation hilft auch dabei, trotz negativer Gefühle konstruktiv reagieren zu können. Wer sich langweilt, verliert sich allenfalls in Tagträumen und wird nicht aggressiv, wer wütend ist, kann sich beherrschen und wird nicht gewalttätig. Zudem dämpft die Dissoziation das schmerzliche Empfinden verletzender und negativer Gefühle.

Dissoziation in der Therapie

Diese nützlichen Aspekte der Dissoziation werden in verschiedenen Therapieformen genutzt, besonders, wenn es um die Aufarbeitung emotional intensiver Ereignisse und Erfahrungen geht. Manche Traumata, Phobien oder Angststörungen könnten gar nicht behandelt werden, wenn der Klient nicht einen gewissen Zustand der Dissoziation aufrecht erhalten könnte.

Beim Einsatz der Dissoziation als therapeutisches Instrument wird der Klient dazu angeleitet, bei seinen Erinnerungen eine entfernte Beobachterposition einzunehmen und sich nicht völlig mit dem Geschehen zu identifizieren. Dabei wird gerne das Bild benutzt, dass der Klient sich selbst als Zuschauer in einem Kino auf der Leinwand agieren sehen soll.

Ist das Erlebnis stark traumatisierend, so wird auch mit der Vorstellung gearbeitet, der Klient säße in einem Hubschrauber oder Ballon, der ihm oder ihr erlaubt, die Distanz zum Geschehen völlig zu kontrollieren. So ist gewährleistet, dass die negativen Emotionen nicht noch einmal durchlitten werden müssen und die Oberhand gewinnen.

Die Dissoziation als therapeutische Technik hat in vielen Richtungen eine festen Platz: in der Hypnotherapie nach Milton Erickson, in der PITT nach Luise Reddemann, in der Gesprächstherapie nach Carl Rogers, um nur einige zu nennen.

Der Therapeut hat dabei unter anderem die Aufgabe, den Klienten dabei zu unterstützen, die Dissoziation aufrecht zu erhalten. Dies geschieht oft durch positive Affirmationen und Suggestionen, die Klient und Therapeut vorher gemeinsam entwickelt oder ausgewählt haben. Dies kann zum Beispiel mit Hilfe der Lebenskarten geschehen, aus denen der Klient diejenigen ausgewählt hat, die ihm das intensivste Gefühl von Stärke, Mut oder Souveränität vermitteln.

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